Ein „Neubauer“

Kurt Weber 1931-2020
     (pwe)  Sein erster fahrbarer Untersatz sei der Kinderwagen gewesen - scherzte er gerne - geparkt am Parkdeck der Apollo Garage. Die Familie wohnte im obersten Stockwerk des zugehörigen Gebäudes. Von dort hatte man einen freien Blick über die Kuppel der Oberen Halle, und die Garage immer im Blick. Überaus geprägt haben ihn die Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges, die er mit der Familie überwiegend in Wien verbrachte. Seine Erzählungen und Anekdoten als Zeitzeuge wären buchfüllend. Nichte Eva Maier hat seine Erinnerungen in Form von narrativen Interviews bewahrt.
     Als junger Mann "borgte" er sich heimlich das Auto der Eltern um damit Autorennen zu fahren. Es endete am Schrottplatz. Mit Schwester Martha, Schwager Victor und Freunden bereiste er in den 50er Jahren Europa. Die Hochzeitsreise mit Ehefrau Susanne unternahm er 1959 in seinem ersten Porsche. Es ging über Marokko, Tunesien, Algerien, Ägypten, Israel, den Libanon und die Türkei einmal rund ums Mittelmeer. Heute so kaum vorstellbar. Mit dem Nachfolgemodell fuhr er 1968, während des Einmarsches der russischen Truppen in die Tschechoslowakei an die Grenze, um Flüchtlinge nach Wien zu bringen. Es stand eben kein anderes Fahrzeug zur Verfügung.

     Eine seiner Leidenschaften war das Sammeln von Briefmarken und Briefen aus der K&K Zeit, das er fast detektivisch betrieb. Handwerklich äußerst geschickt und präzise in der Ausführung, führte er Reparaturen und Umbauten gerne selbst durch. Zumindest überwachte er alles ganz genau und gab detaillierte Anweisungen. Gegen Modernisierungsvorschläge zeigte er sich zunehmend widerstandsfähig. Er vertraute auf das Altbewährte, oft zum Missfallen der Söhne. Fast bis zum Schluss war er jeden Tag in seinem Büro anzutreffen. In Anzug und Krawatte gekleidet saß er über seine Abrechnungen gebeugt - komplexe Systeme - und kontrollierte alles akkurat. Er begrüßte seine Kunden und teilte gerne seinen reichen Erfahrungsschatz aus einem erfüllten Leben. Freundin Brigitte, Gefährtin der letzten Jahre, unterstützte ihn nach Kräften auch im Betrieb. Ruhestand? Zu solchem Ansinnen lächelte er nur milde. 

Ein treffendes Portrait - erschienen in der Wiener Zeitung - mit freundlicher Genehmigung derselben.

Foto und Text: © Wenzel Müller